Selbsthilfe

In der Selbsthilfe unterstützen Betroffene sich gegenseitig. Im Folgenden erfahren Sie, was Selbsthilfe leisten kann, worauf Sie achten sollten und wie Sie das passende Angebot für sich finden.

Wie unterstützen sich Betroffene in Selbsthilfegruppen?

In Selbsthilfegruppen treffen sich Menschen, die ein gemeinsames Problem oder Anliegen haben, um sich gegenseitig zu unterstützen. Auch Angehörige können Selbsthilfegruppen besuchen.

Selbsthilfe bedeutet dabei immer „Hilfe zur Selbsthilfe“. Oft hilft sie den Teilnehmer:innen mit ganz konkreten Tipps im Alltag. Selbsthilfe bietet aber auch einen Raum, um sich mit Personen auszutauschen, die Ähnliches erlebt haben oder sich in einer ähnlichen Situation befinden. Viele Betroffene von sexualisierter Gewalt erfahren hier, dass sie mit ihren Erlebnissen nicht alleine sind und andere sie verstehen. Der Austausch hilft ihnen zu sehen, wie andere mit ihrer Situation umgehen. In Selbsthilfegruppen wird nicht unbedingt über die traumatischen Gewalterfahrungen selbst, sondern vielmehr über die Folgebelastungen gesprochen. Es gibt manchmal sogar die Regel, nicht konkret über Gewalterfahrungen zu sprechen, da dies andere Teilnehmer:innen belasten könnten.

Selbsthilfegruppen bieten Hilfe zur Selbsthilfe. Eine Beratung oder eine Therapie können sie jedoch nicht ersetzen. Sollte es Ihnen oder jemandem in Ihrem Umfeld gerade sehr schlecht gehen und Sie dringend Hilfe benötigen, lesen Sie die Informationen „Hilfe in Krisen“.

Was passiert in einer Selbsthilfegruppe?

Die Teilnehmer:innen einer Selbsthilfegruppe treffen sich regelmäßig, wobei die Teilnahme immer freiwillig und meist kostenfrei ist. Kosten können anfallen, wenn die Gruppe für ihre Treffen einen Raum mietet.

Für alle Gruppen gibt es eine feste Regel: Was in der Gruppe besprochen wird, bleibt vertraulich und darf nicht nach außen getragen werden. Selbsthilfegruppen können unabhängig von einer Therapie oder ergänzend dazu besucht werden und unterschiedliche Formate haben. Es gibt sie mit oder ohne Moderation. Manchmal moderiert eine betroffene Person, manchmal eine Fachkraft, die nicht unbedingt selbst betroffen ist. Die unterschiedlichen Formate können die Gruppendynamik beeinflussen. Daher ist es wichtig, in einem Erstgespräch zu klären, wie die Selbsthilfegruppe arbeitet und ob die Herangehensweise den eigenen Bedürfnissen entspricht.

Nicht immer gibt es für jeden Menschen die passende Gruppe. Manche Betroffene gründen deshalb eine eigene Selbsthilfegruppe. Auch das ist eine gute Möglichkeit, für sich selbst und für andere etwas in Bewegung zu bringen. Wie Sie eine Selbsthilfegruppe gründen können, erfahren Sie bei NAKOS. Dort finden Sie auch weitere hilfreiche Informationen.

Wie finden Sie die passende Selbsthilfegruppe?

Fachberatungsstellen können Ihnen helfen, eine passende Selbsthilfegruppe mit anderen Betroffenen von sexualisierter Gewalt zu finden. Sie können sich aber auch an eine allgemeine Beratungsstelle wenden.

Unter „Hilfe finden“ können Sie unter „Thema“ nach „Selbsthilfe“ suchen. Ihnen werden dann Einrichtungen angezeigt, die entweder eigene Selbsthilfegruppen haben oder die Sie an externe Gruppen weitervermitteln können. Auch über sogenannte Selbsthilfekontaktstellen, die Kontakte zu den Gruppen in Ihrer Nähe herstellen, können Sie fündig werden und sich über Selbsthilfe informieren. In der roten Datenbank von NAKOS können Sie nach Selbsthilfekontaktstellen vor Ort suchen. Manchmal gibt es vor Ort keine Gruppen spezifisch zu sexualisierter Gewalt. In einigen Gruppen werden aber Themen behandelt, die auch viele Menschen mit sexualisierten Gewalterfahrungen beschäftigen. Dazu zählen zum Beispiel Gruppen zu posttraumatischen Belastungsstörungen oder Traumafolgestörungen. Fragen Sie deshalb nach, welches Thema die Gruppe hat.

Selbsthilfe bietet einen sicheren Ort, an dem Betroffene sexualisierter Gewalt sich austauschen und gegenseitig neue Perspektiven geben können. Was seine Selbsthilfegruppe für ihn bedeutet, erzählt Max Ciolek im Interview. 

Gibt es auch Online-Selbsthilfe?

Ja. Vielen fällt es leichter, erst einmal etwas zu lesen oder zu schreiben, statt sich direkt mit anderen Menschen über das Erlebte auszutauschen. Internetforen für die Kommunikation zwischen Betroffenen können Ihnen helfen, diesen Schritt zu gehen.

Internetforen sind zeit- und ortsunabhängig, also „immer da“. Und sie bieten Ihnen die Möglichkeit, erst einmal über die Erfahrungen von anderen Betroffenen zu lesen, bevor Sie selbst etwas preisgeben. In Internetforen tauschen sich Betroffene wie bei Selbsthilfegruppen vor Ort über ihre Situation und ihr Anliegen aus. Wann Sie etwas lesen oder schreiben, bestimmen Sie.

Darauf sollten Sie bei Online-Selbsthilfe achten

Manche Internetforen sind komplett öffentlich. Andere haben einen öffentlichen und einen privaten Bereich für Mitglieder. Meistens werden sie von Administrator:innen moderiert. Wenn möglich, sollten Sie sich im Vorfeld mit einer Ansprechperson des Forums austauschen. Meistens finden Sie den Kontakt im öffentlichen Bereich des Forums oder im Impressum.

Prüfen Sie außerdem, ob die Website Informationen zu Datenschutz und Anonymität enthält, und entscheiden Sie, ob beides Ihren Bedürfnissen entspricht. Manche Betroffene tauschen sich – öffentlich oder in geschlossenen Gruppen – auch in den sozialen Medien aus. Der möglicherweise entstehenden Öffentlichkeit sollten Sie sich bewusst sein. Auch das Thema Datenschutz wird in den sozialen Medien unterschiedlich geregelt. Am besten informieren Sie sich vorab bei den einzelnen Plattformen.

Worauf Sie bei der Online-Selbsthilfe und dem Datenschutz achten sollten, lesen Sie auf der Website von NAKOS.

Wie können Sie sich auf das erste Kennenlernen vorbereiten?

Jeder Mensch ist anders und hat individuelle Bedürfnisse. Deshalb gibt es auch in der Selbsthilfe nicht „den einen richtigen Weg“ – weder online noch offline.

Damit Sie und andere Teilnehmer:innen in der Gruppe oder im Internetforum geschützt sind, brauchen Sie einen gemeinsamen Rahmen und transparente Regeln, auf die Sie sich verlassen können. Daher ist es wichtig, sich darüber mit den anderen Teilnehmer:innen auszutauschen.

Bevor Sie sich einer Gruppe oder einem Internetforum anschließen, ist es gut, sich ein paar Fragen zu stellen: Was wünschen Sie sich? Was brauchen Sie, um sich wohlzufühlen? Oft gibt es bei Selbsthilfegruppen ein erstes Kennenlernen, um Ihre Erwartungen und Bedürfnisse zu besprechen. Auch bei Internetforen wird oft eine Ansprechperson genannt, mit der Sie sich vorab zu diesen Themen austauschen können.

Ihre möglichen Fragen für das Kennenlernen
  • Was ist das Thema der Selbsthilfegruppe oder des Forums?
  • Bei Selbsthilfegruppen: Wie oft trifft sich die Gruppe und wo? Fühlen Sie sich dort wohl?
  • Moderiert jemand und wenn ja, wer?
  • Wer kann teilnehmen?
  • Welche Regeln gibt es zur Vertraulichkeit?
  • Wie sind die Umgangsformen?
  • Wird über traumatische Erlebnisse selbst gesprochen oder geschrieben?
  • Welche Regeln gibt es, wenn jemand in einer Krise ist?
  • Was passiert, wenn es jemandem während einer Gruppensitzung schlecht geht?
  • Wie geht man mit Machtgefällen innerhalb und außerhalb der Gruppe um?
Reflektieren Sie Ihre Erfahrung

Sie haben eine Selbsthilfegruppe oder ein Internetforum gefunden und der erste Austausch hat stattgefunden? Wie haben Sie sich gefühlt? Verlief die Kommunikation auf Augenhöhe? Wenn die Atmosphäre für Sie passte, ist das ein gutes Zeichen. Falls nicht, sollten Sie sich daran erinnern, dass Sie freiwillig teilgenommen haben und Sie zu nichts verpflichtet sind. Es ist auch vollkommen in Ordnung, die Regeln der Gruppe zu hinterfragen. Was zählt, ist, dass Sie sich wohlfühlen und die Hilfe und Unterstützung erhalten, die Sie weiterbringt.

Geschichten, die Mut machen

Interview | Selbsthilfe

In unserer Selbsthilfegruppe können Männer ihre Schwächen zeigen und werden dafür nicht ausgelacht, sondern respektiert. Das alleine ist schon eine Erfahrung: Ich muss hier nicht den Macker spielen, sondern kann mich verletzlich zeigen.

Max Ciolek

Mitglied im Betroffenenrat

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Porträtfoto Max Ciolek
Interview | Betroffene

Der sexuelle Missbrauch durch eine Frau hat mich in meiner Männlichkeit extrem beschädigt. Damit stand ich über viele Jahre in Konflikt. Das war für mich echt brutal. Ich habe lange gebraucht, um beide Seiten auszusöhnen.

Nicolas Haaf

Mitglied im Betroffenenrat

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Porträtfoto Nicolas Haaf
Interview | Beratung

Mut braucht es immer bei diesem sensiblen und persönlichen Thema. Dennoch bin ich überzeugt, dass Anrufen hilft. Es ist ein erster Schritt, ein erstes „Sich trauen“. Und alleine das macht alle weiteren Schritte oft sehr viel leichter.

Tanja von Bodelschwingh

Beraterin beim Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch

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Porträtfoto Tanja von Bodelschwingh
Interview | Aufarbeitung

Wir wollen aus den Geschichten lernen. Das ist das zentrale Moment von Aufarbeitung: Der Blick zurück soll uns eine Basis geben, um für das Heute und für die Zukunft zu lernen.

Barbara Kavemann

Mitglied bei der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs

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Porträtfoto Barbara Kavemann
Interview | Recht

Die Entwicklungen, die ich bei vielen Betroffenen beobachte, sind sehr ermutigend und motivierend. Teilweise können sie während des langen Prozesses wieder zu ihrem alten Ich finden.

Petra Ladenburger
Rechtsanwältin

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Porträtfoto Petra Ladenburger
Interview | Menschen mit Behinderungen

Gerade in akuten Krisensituationen hilft es enorm, sich Rat von außen zu suchen und nicht nur im eigenen Kreis zu bleiben. Wir schauen uns alles unabhängig an und können helfen, die Situation neutral einzuordnen.

Pia Witthöft

Leiterin der Mutstelle

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Porträtfoto Pia Witthöft

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