Hilfe in Krisen

Fast jeder Mensch erlebt einmal eine Krise. So erkennen Sie die Anzeichen und erfahren, was Sie im Notfall für sich und andere tun können.

Was kann zu einer Krise führen?

Wer sich in einer Krise befindet, kann ein Ereignis oder eine Situation nicht oder nicht mehr bewältigen. Dabei kann das belastende Ereignis lange zurückliegen oder unerwartet in der Gegenwart auftreten.

Sexueller Missbrauch oder andere Gewalterfahrungen können Schockreaktionen und seelische Krisen auslösen. Oftmals kommen auch mehrere Belastungen zusammen, die zu einer Krise führen können. Dazu zählen neben Gewalterfahrungen zum Beispiel Verlusterlebnisse, Krankheiten, Unfälle, der Tod eines nahestehenden Menschen oder andere traumatische Erlebnisse. Doch auch dauerhafte Belastungen wie psychische Erkrankungen, Vereinsamung, Stress oder soziale Konflikte können überfordern und Menschen in seelische Not bringen. 

Mit einer psychischen Krise reagieren Menschen auf ein stark belastendes Ereignis oder besonders belastende Lebensumstände. Jeder Mensch kann in eine solche Situation geraten. Menschen mit psychischen Vorerkrankungen fällt es oft sehr schwer, krisenhafte Situationen aus eigener Kraft zu bewältigen. Generell gilt: Wenn viele Belastungen zusammenkommen, steigt das Risiko, eine Krise zu erleben. Aber auch eigentlich positive Ereignisse wie Schwangerschaft oder der Beginn einer neuen Lebensbeziehung können überwältigend sein und so viele Emotionen hervorrufen, dass sie bei Betroffenen sexualisierter Gewalt eine Krise hervorrufen können. 

Wie erkennen Sie eine akute Krise?

Vielleicht haben Sie das Gefühl, Ihr inneres Gleichgewicht verloren zu haben? Alles, was Sie sonst in schwierigen Situationen machen, funktioniert nicht mehr? Sie schaffen es nicht, die Situation selbst zu bewältigen?

So empfinden viele Menschen in einer akuten Krise. Dann verändert sich häufig auch, wie Menschen denken und fühlen: Manche Betroffene haben nur noch einen Gedanken im Kopf, bei anderen wiederum springen die Gedanken. Mit Gefühlen ist es ähnlich. So spüren einige Betroffene in Krisensituationen kaum oder nur schwer ihre Gefühle. Andere erleben die eigene Gefühlswelt so intensiv, dass sie diese nur schwer kontrollieren können. Sie empfinden zum Beispiel übermäßig große Angst oder Wut. Oder sie sind vollkommen hoffnungslos, einsam und traurig.

Wenn die Gefühle zu mächtig oder gar bedrohlich werden, denken manche Menschen auch an Suizid, selbstverletzendes Verhalten oder trinken übermäßig viel Alkohol. Manchmal erleben Betroffene die krisenhafte Situation auch als so bedrohlich, dass sie für eine kurze oder längere Zeit ihr Zuhause verlassen und an anderen Orten Zuflucht suchen oder stationär untergebracht werden. Die Symptome können unterschiedlich stark ausfallen und Tage bis Wochen andauern. 

Krisen bei Kindern und Jugendlichen

Doch nicht nur erwachsene Menschen erleben Krisen. Krisen treffen auch Kinder und Jugendliche. Oft reagieren sie auf das Erlebte mit Verhaltensweisen, die sie schon abgelegt hatten. Manche Kinder fangen zum Beispiel wieder mit dem Daumenlutschen an, nässen sich ein oder wollen bei den Eltern im Bett schlafen. Auch Jugendliche reagieren sehr häufig mit veränderten Verhaltensweisen. Sie ziehen sich zum Beispiel sehr stark zurück und isolieren sich. Oder sie reagieren impulsiv und entwickeln aggressives Verhalten – gegen sich selbst oder auch gegenüber anderen. Alle Verhaltensänderungen können natürlich viele verschiedene Ursachen haben. Wenn Sie einen Verdacht auf sexualisierte Gewalt haben sollten, zögern Sie nicht, das Hilfe-Telefon zu kontaktieren.

Menschen gehen unterschiedlich mit Krisen um

So unterschiedlich, wie Menschen mit Krisen umgehen, erleben sie auch die Folgen von Belastungen. Nicht jeder Mensch braucht professionelle Unterstützung, um das Erlebte zu verarbeiten. Viele schaffen es auch alleine oder mithilfe einer vertrauten Person, eine Krise zu bewältigen. Doch was, wenn es nicht gelingt, die Krise aus eigener Kraft zu überwinden? Wenn es Ihnen oder jemandem aus Ihrem Umfeld so geht, kann Ihnen professionelle Unterstützung helfen. Im Abschnitt „An wen können Sie sich wenden?“ finden Sie Anlaufstellen, die Sie kontaktieren können, wenn Sie selbst Hilfe brauchen oder jemanden in einer Krise unterstützen wollen.

Wie können Sie jemanden in einer Krise unterstützen?

Mit Unterstützung und Hilfe lassen sich Krisen besser meistern. Seien Sie für die Person da und überlegen Sie: Wer könnte ihr zur Seite stehen?

Das können Sie tun:

  • Sprechen Sie die Person auf ihre Sorgen an. Hören Sie vor allem zu und bieten Sie an, dass die Person jederzeit wieder mit Ihnen sprechen kann.
  • Vermitteln Sie Sicherheit und Ruhe. Wenn Sie hektisch oder panisch reagieren, können Sie die Lage verschlimmern und Ihr Gegenüber zusätzlich beunruhigen.
  • Versuchen Sie, die Not zu verstehen und zeigen Sie es. Halten Sie offensichtliche Belastungen und Stress so gering wie möglich.
  • Fragen Sie die Person, was ihr guttut oder schon einmal geholfen hat. Das können auch einfache Dinge sein – zum Beispiel spazieren gehen, Tee trinken, Sport machen, aufräumen, Musik hören. Bestärken Sie die Person, sich etwas Gutes zu tun.
  • Verzichten Sie auf Tipps wie „Mach doch einfach mal …“ oder „Ich an deiner Stelle würde …“. Auch gut gemeinte Ratschläge sind zu diesem Zeitpunkt fehl am Platz („Klar ist eine Trennung schwierig, aber ihr habt euch doch sowieso nie verstanden.“).
  • Ermutigen Sie die betroffene Person, sich an eine professionelle Anlaufstelle zu wenden, wenn die Belastung zu groß wird.
  • Besonders wichtig dabei: Achten auch Sie auf Ihre Grenzen. Versprechen Sie nur, was Sie auch umsetzen können, und suchen Sie Unterstützung bei einer vertrauten Person oder einer Hilfeeinrichtung. 

Wann sollten Sie professionelle Hilfe suchen?

Ganz allgemein: Sie sollten professionelle Hilfe suchen, wenn es Ihnen oder jemandem aus Ihrem Umfeld schwerfällt, die Krise alleine oder mit Unterstützung nahestehender Personen zu bewältigen.

Jeder Mensch hat das Recht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Sie ist weder ein Makel, noch gibt es für die Inanspruchnahme ein „Mindestmaß an Leid- oder Krisenempfinden“. Um einen Ausweg aus der Krise zu finden, helfen vor allem Entlastung und Stabilisierung. Diese sogenannte Krisenintervention ist so etwas wie eine psychologische „Erste Hilfe“. Die psychosoziale Betreuung und Behandlung stehen dabei im Vordergrund. 

An wen können Sie sich wenden?

Die Angebote professioneller Krisenintervention unterscheiden sich – sowohl in ihrer Erreichbarkeit als auch in ihrer Art der Unterstützung. Wir stellen Ihnen hier die wichtigsten vor.

Krisendienste und sozialpsychiatrische Dienste

Krisendienste sind Anlaufstellen für Menschen in akuten seelischen Problemsituationen. Die Unterstützung durch einen Krisendienst ist in der Regel zeitlich begrenzt. Da aber die Dauer einer seelischen Krise nicht absehbar ist, sollte in Ausnahmefällen auch eine längerfristige Begleitung möglich sein. Die Unterstützung durch einen Krisendienst kann ambulant erfolgen. Es gibt aber auch mobile Krisendienste, die Betroffene zu Hause aufsuchen.

Sozialpsychiatrische Dienste der Gesundheitsämter beraten und betreuen ebenfalls Menschen mit psychischen und sozialen Problemen sowie ihr Umfeld. Sie unterstützen niedrigschwellig und ohne lange Wartezeiten auf einen Termin. Weitere Aufgaben der sozialpsychiatrischen Dienste sind die Notfallhilfe und Krisenintervention. Bei akuten Krisen sowie Suizidgefahr oder hoher Gewaltbereitschaft können sich Betroffene und Helfende rund um die Uhr an die mobile Notfallbereitschaft wenden. Sie kann die Situation bewerten, Akuthilfe leisten und weitere Schritte veranlassen.

Telefonische Beratung und Krisendienste

Telefonische Beratung und Krisendienste können besonders niedrigschwellig bei Krisen unterstützen. Passende Angebote gibt es unter „Hilfe finden“. Sie können sich auch an diese Beratungsangebote wenden: „Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch“, „Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen“, „Hilfetelefon Gewalt an Männern“, die Telefonseelsorge oder die „Nummer gegen Kummer“ für Kinder und Jugendliche. 

Online-Beratung

Vielen Menschen fällt es leichter, über ihre Situation zu schreiben. Auch Online-Beratung kann sie in Krisensituationen unterstützen. Online gibt es viele Anlaufstellen für Menschen in Krisen, wie zum Beispiel die E-Mail-Beratung von [U25] oder die Online-Seelsorge. Auch viele Beratungsstellen vor Ort beraten Menschen online und vertraulich.

Psychosoziale Kontakt- und Beratungsstellen

Auch psychosoziale Kontakt- und Beratungsstellen bieten manchmal Unterstützung in Krisen an. Das nennt man auch „Krisenintervention“. Schauen Sie sich die jeweilige Website an und prüfen Sie die Angebote und Aufgaben der Beratungsstelle. Oder fragen Sie telefonisch nach. Viele dieser Beratungsstellen haben sich auf das Thema sexueller Missbrauch spezialisiert. Die Angebote finden Sie in der Rubrik „Hilfe finden“.

Ärztliche und psychotherapeutische Hilfe

Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapie sowie für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie arbeiten in niedergelassenen Praxen. Hier finden Sie während der Sprechzeiten Hilfe, wenn Sie psychisch stark belastet sind. Der Weg in eine medizinische Fachpraxis ist vor allem dann richtig, wenn Medikamente zur Stabilisierung hilfreich oder notwendig sein könnten. 
Für Personen, die bereits eine Psychotherapie machen, ist ihr:e Therapeut:in oft die erste Anlaufstelle. Aber auch Personen, die noch nicht in psychotherapeutischer Behandlung sind, können sich an eine entsprechende Praxis wenden. Sie können eine psychotherapeutische Sprechstunde vereinbaren und sich dort beraten lassen. Es gibt auch die Möglichkeit einer Akutbehandlung. Weitere Informationen dazu finden Sie hier

Für viele Menschen ist auch der Weg zur vertrauten Hausarztpraxis ein wichtiger erster Schritt in Krisensituationen. Dort können Sie besprechen, welche nächsten Schritte für Sie richtig sind.

Ambulanzen

Es gibt verschiedene Ambulanzen, zum Beispiel Trauma-, Kinderschutz- und Gewaltschutz- und psychiatrische Institutsambulanzen. Diese helfen Ihnen schnell im Notfall:

  • Traumaambulanzen unterstützen vor allem traumatisierte Menschen psychotherapeutisch. Es gibt Traumaambulanzen für Kinder und Jugendliche und für Erwachsene. Mehr über Traumaambulanzen erfahren Sie hier. Unter „Hilfe finden“ können Sie Traumaambulanzen in Ihrer Nähe finden.
  • Gewaltschutzambulanzen bieten Betroffenen von Gewalttaten die Möglichkeit, erlittene Verletzungen rechtsmedizinisch untersuchen und dokumentieren zu lassen. Das ist auch ohne polizeiliche Anzeige möglich. Die Untersuchung ist kostenfrei. Auf der Website von Terre des Femmes finden Sie eine Datenbank mit Stellen für die anonyme Spurensicherung.
  • Kinderschutzambulanzen haben den medizinischen Kinderschutz im Fokus. Sie untersuchen akute und chronische Formen körperlicher oder seelischer Misshandlung, Vernachlässigung sowie sexualisierte Gewalt gegen Kinder und leiten gegebenenfalls weitere Hilfen ein.
  • Psychiatrische Institutsambulanzen sowie kinder- und jugendpsychiatrische Ambulanzen nehmen Notfälle sofort an. Sie gehören zur jeweiligen psychiatrischen Fachklinik vor Ort und werden unter anderem dann tätig, wenn eine anderweitige psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung für die Betroffenen nicht erreichbar ist.

Zufluchtsorte 

Zufluchtsorte schützen Menschen in Not- und Krisensituationen – vor allem bei akuter Bedrohung und Gewalt. Es gibt Schutzwohnungen und -häuser für Frauen und Männer sowie für Mädchen und Jungen. Einige Unterkünfte stehen auch Menschen offen, die sich weder als Frau noch als Mann empfinden oder die ihre geschlechtliche Identität gewechselt haben.

Aufnahme und Aufenthalt in Zufluchtsstätten erfolgen freiwillig. Die Adresse der Zufluchtsorte ist in der Regel geheim. Die Betroffenen können sich meist Tag und Nacht telefonisch an die Einrichtungen wenden und um Zuflucht bitten. In manchen Regionen gibt es auch Stellen, die die Plätze in den Zufluchtsorten regional koordinieren. Zufluchtsorte bieten Betroffenen einen sicheren Ort, an dem sie sich stabilisieren und mit Ruhe und Zeit alle weiteren Schritte abwägen können.

Sie suchen einen Zufluchtsort in Ihrer Nähe? Unter „Hilfe finden“ können Sie passende Orte finden.

Was können Sie im Notfall tun?

Wenn sich die Krise zuspitzt und Menschen einen psychischen Zusammenbruch haben, ist Soforthilfe gefragt. Familie, Freund:innen sowie Bekannte sollten umgehend reagieren und professionelle Unterstützung hinzuziehen.

Rufen Sie den Rettungsdienst unter der Telefonnummer 112. Sie können sich dort auch selbst melden, wenn Sie Suizidabsichten haben und dringend Hilfe benötigen. Im Notfall helfen auch die sozial­psychiatrischen Dienste und die Polizei. Die Polizei erreichen Sie unter der Telefonnummer 110.

Auch die Notfallaufnahme in einer Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie ist jederzeit möglich. Das medizinische und therapeutische Personal weiß, was im Notfall zu tun ist, und unterstützt Sie mit therapeutischen Gesprächen und bei Bedarf auch mit Medikamenten. In diesem Fall können Sie sich auch an eine psychiatrische Institutsambulanz wenden. Was immer gilt: Zögern Sie nicht, für sich selbst oder eine andere Person Hilfe zu suchen.

Geschichten, die Mut machen

Interview | Menschen mit Behinderungen

Gerade in akuten Krisensituationen hilft es enorm, sich Rat von außen zu suchen und nicht nur im eigenen Kreis zu bleiben. Wir schauen uns alles unabhängig an und können helfen, die Situation neutral einzuordnen.

Pia Witthöft

Leiterin der Mutstelle

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Porträtfoto Pia Witthöft
Interview | Betroffene

Der sexuelle Missbrauch durch eine Frau hat mich in meiner Männlichkeit extrem beschädigt. Damit stand ich über viele Jahre in Konflikt. Das war für mich echt brutal. Ich habe lange gebraucht, um beide Seiten auszusöhnen.

Nicolas Haaf

Mitglied im Betroffenenrat

 

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Porträtfoto Nicolas Haaf
Interview | Beratung

Mut braucht es immer bei diesem sensiblen und persönlichen Thema. Dennoch bin ich überzeugt, dass Anrufen hilft. Es ist ein erster Schritt, ein erstes „Sich trauen“. Und alleine das macht alle weiteren Schritte oft sehr viel leichter.

Tanja von Bodelschwingh

Beraterin beim Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch

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Porträtfoto Tanja von Bodelschwingh
Interview | Aufarbeitung

Wir wollen aus den Geschichten lernen. Das ist das zentrale Moment von Aufarbeitung: Der Blick zurück soll uns eine Basis geben, um für das Heute und für die Zukunft zu lernen.

Barbara Kavemann

Mitglied bei der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs

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Porträtfoto Barbara Kavemann
Interview | Selbsthilfe

In unserer Selbsthilfegruppe können Männer ihre Schwächen zeigen und werden dafür nicht ausgelacht, sondern respektiert. Das alleine ist schon eine Erfahrung: Ich muss hier nicht den Macker spielen, sondern kann mich verletzlich zeigen.

Max Ciolek

Mitglied im Betroffenenrat

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Porträtfoto Max Ciolek
Interview | Recht

Die Entwicklungen, die ich bei vielen Betroffenen beobachte, sind sehr ermutigend und motivierend. Teilweise können sie während des langen Prozesses wieder zu ihrem alten Ich finden.

Petra Ladenburger
Rechtsanwältin

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Porträtfoto Petra Ladenburger

Rufen Sie an – auch im Zweifelsfall

Sprechen Sie mit den Berater:innen beim Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch. Ihr Anruf ist anonym und kostenfrei.

0800 22 55 530

Telefonzeiten:

Mo., Mi., Fr.: 9.00 bis 14.00 Uhr
Di., Do.: 15.00 bis 20.00 Uhr

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