Porträtfoto Max Ciolek

Max Ciolek
Mitglied im Betroffenenrat

„Die Gruppenmitglieder merken, dass sie nicht alleine sind“

Selbsthilfe bietet einen sicheren Ort, an dem Betroffene sexualisierter Gewalt sich austauschen und gegenseitig neue Perspektiven geben können. Ein Gespräch mit Max Ciolek, der eine Selbsthilfegruppe für Männer gegründet hat.

Über Max Ciolek
Max Ciolek ist seit 2020 Mitglied des Betroffenenrats beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs  und gründete im gleichen Jahr eine Selbsthilfegruppe für männliche Betroffene von sexualisierter Gewalt. In Osnabrück engagiert sich der Grafikdesigner und Sänger außerdem seit vielen Jahren im Kultursektor.

Was verbindet Sie als Betroffener mit dem Thema Selbsthilfe, Herr Ciolek?

Ich habe schon immer gemerkt, wie unglaublich gut es mir tut, über das Thema sexualisierte Gewalt zu sprechen. Bevor ich die Gruppe in Osnabrück gegründet habe, hatte ich jedoch gar keinen Kontakt zum Thema Selbsthilfe. Meine eigene Missbrauchsgeschichte habe ich in Wellen aufgearbeitet. Vor zwei Jahren merkte ich, dass ich jetzt etwas zurückgeben und dem Thema etwas entgegensetzen kann. Seit 2020 bin ich deshalb Mitglied im Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs und habe im gleichen Jahr die Selbsthilfegruppe für Männer ins Leben gerufen.

Wobei hat Ihnen der Austausch mit anderen Betroffenen geholfen?

Am meisten hat mir geholfen, dass ich darüber sprechen konnte. Nachdem ich die Geschichten der anderen gehört hatte, habe ich gemerkt, dass ich auf dem Weg der Bewältigung schon sehr weit bin. Ich habe gelernt, dass es nicht darum geht, Ratschläge zu geben, sondern einfach nur zuzuhören. Die Dinge passieren, wenn sie passieren können.

In unserer Selbsthilfegruppe können Männer ihre Schwächen zeigen und werden dafür nicht ausgelacht, sondern respektiert. Das alleine ist schon eine Erfahrung: Ich muss hier nicht den Macker spielen, sondern kann mich verletzlich zeigen.

Nehmen Sie uns mit zu einer Sitzung: Was erwartet uns dort?

Am Anfang machen wir zum Reinkommen meistens ein Blitzlicht. Dabei erzählt jeder, wie es ihm gerade geht und was ihn bewegt. Dann fragen wir, ob jemandem etwas auf der Seele brennt und er sich ausführlich damit beschäftigen will. Das Merkmal unserer Selbsthilfegruppe ist ja, dass alle gleichberechtigt sind und wir gemeinsam entscheiden. Es gibt nicht die eine Person, die den Hut aufhat und moderiert. Weil alle ähnliche Erfahrungen teilen, merken die Gruppenmitglieder, dass sie nicht alleine sind. Auf einmal sehen sie Dinge in einem anderen Licht und sind total getröstet und bekräftigt, weiterzumachen.

Was können Selbsthilfegruppen leisten und wo liegen die Grenzen?

Es ist erst mal wichtig, klarzustellen, dass eine Selbsthilfegruppe keine Alternative zu einer Therapie ist – auch wenn sie sehr viel leisten und eine Therapie ergänzen kann. Bei uns in der Gruppe war kurzzeitig mal ein Betroffener, der zugegeben hat, dass er ein Suchtproblem hat. Er hat dann von sich aus gemerkt, dass die Selbsthilfegruppe nicht das richtige Angebot für ihn ist. Ansonsten hätten wir aber auch das Gespräch mit ihm gesucht.

Worin unterscheidet sich eine Selbsthilfegruppe für Männer von anderen Gruppen?

Über die eigenen Gefühle zu sprechen, ist für viele Männer noch immer eine hohe Barriere. Deswegen finde ich es wichtig, eine Gruppe nur mit männlichen Betroffenen zu haben. An diesem Ort können Männer ihre Schwächen zeigen und werden dafür nicht ausgelacht, sondern respektiert. Das alleine ist schon eine Erfahrung: „Ich muss hier nicht den Macker spielen, sondern kann mich verletzlich zeigen.“ Das muss aber jeder Teilnehmer für sich entscheiden.

Wie finde ich ein Angebot, das zu mir passt, wenn ich sexuellen Missbrauch erlebt habe?

In vielen Landkreisen gibt es Selbsthilfe-Kontaktstellen, die einen guten Überblick über alle Angebote in der Nähe geben können. Auch online finden Hilfesuchende inzwischen unkompliziert die passende Selbsthilfegruppe. Eine gute Anlaufstelle ist zum Beispiel das Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch oder die Listen der bundesweiten Informations- und Vermittlungsstelle NAKOS.

Immer mehr Betroffene tauschen sich auch online aus. Wann kann Online-Selbsthilfe funktionieren?

Anders als zum Beispiel bei Selbsthilfegruppen zu bestimmten Krankheiten spielen beim Thema sexualisierte Gewalt Emotionen eine wichtige Rolle. Es geht darum, seine Gefühle zu verbalisieren. Das gestaltet sich meiner Meinung nach online schwieriger. Ich träume aber von einer Plattform, auf der sich Menschen informieren und austauschen können. Deswegen bin ich gerade dabei, eine eigene Online-Präsenz aufzubauen. Meiner Meinung nach muss die ganze Gesellschaft lernen, über das Thema sexualisierte Gewalt zu sprechen. Statistisch gesehen kennt jeder von uns ein betroffenes Kind und wahrscheinlich auch einen Täter oder eine Täterin.

Haben Sie einen Tipp für andere Betroffene, die auch eine Selbsthilfegruppe gründen wollen?

Ich würde grundsätzlich alle ermutigen, eine Selbsthilfegruppe zu gründen, wenn es in der eigenen Region noch keine gibt. Eine Selbsthilfegruppe braucht ja auch keine leitende Persönlichkeit, die besonders kompetent ist – das kann eigentlich jeder machen. Ich würde den Ratschlag geben, dass Interessierte sich von Anfang an gut vernetzen. Dass sie erst mal schauen, was es schon gibt und wo die Akteure sitzen, die etwas Ähnliches machen. Ich habe mich dafür zum Beispiel mit dem Büro für Selbsthilfe und Ehrenamt unseres Landkreises in Verbindung gesetzt. Es macht auf jeden Fall Sinn, die vielen Hilfestellungen zu nutzen. Online, vor Ort oder mit dem Leitfaden „Starthilfe zum Aufbau von Selbsthilfegruppen“ der Vermittlungsstelle NAKOS.

Was macht Ihnen in Bezug auf das Thema Selbsthilfe Mut?

Mir macht Mut, was ich in der Gruppe erlebe. Wir hatten jetzt nach einer längeren Pause wieder unser erstes Treffen und viele haben gesagt: „Es tut so gut, wieder hier zu sein und mit euch zu reden.“ Obwohl wir uns erst fünfmal getroffen haben, ist die Gruppe jetzt schon so wichtig für mich. Die Selbsthilfegruppe als Heimat und sicheren Ort zu haben, empfinde ich als sehr besonders.

Sie möchten mehr über das Thema Selbsthilfe erfahren? In der Rubrik „Wissenswertes“ finden Sie hilfreiche Informationen.

Mut zum Hören

Hier erzählt Max Ciolek, wann ihm der Missbrauch in seiner Kindheit und Jugend bewusst wurde und wie es ihm mit dieser Erkenntnis erging. Außerdem erfahren Sie, wieso und in welchem Rahmen er heute als Betroffener auch in der Öffentlichkeit über das Thema und seine Erfahrungen spricht und warum er eine Selbsthilfegruppe für betroffene Männer gegründet hat.

Geschichten, die Mut machen

Interview | Recht

Die Entwicklungen, die ich bei vielen Betroffenen beobachte, sind sehr ermutigend und motivierend. Teilweise können sie während des langen Prozesses wieder zu ihrem alten Ich finden.

Petra Ladenburger

Rechtsanwältin

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Porträtfoto Petra Ladenburger
Interview | Betroffene

Der sexuelle Missbrauch durch eine Frau hat mich in meiner Männlichkeit extrem beschädigt. Damit stand ich über viele Jahre in Konflikt. Das war für mich echt brutal. Ich habe lange gebraucht, um beide Seiten auszusöhnen.

Nicolas Haaf

Mitglied im Betroffenenrat

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Interview | Beratung

Mut braucht es immer bei diesem sensiblen und persönlichen Thema. Dennoch bin ich überzeugt, dass Anrufen hilft. Es ist ein erster Schritt, ein erstes „Sich trauen“. Und alleine das macht alle weiteren Schritte oft sehr viel leichter.

Tanja von Bodelschwingh

Beraterin beim Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch

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Interview | Aufarbeitung

Wir wollen aus den Geschichten lernen. Das ist das zentrale Moment von Aufarbeitung: Der Blick zurück soll uns eine Basis geben, um für das Heute und für die Zukunft zu lernen.

Barbara Kavemann

Mitglied bei der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs

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Interview | Menschen mit Behinderungen

Gerade in akuten Krisensituationen hilft es enorm, sich Rat von außen zu suchen und nicht nur im eigenen Kreis zu bleiben. Wir schauen uns alles unabhängig an und können helfen, die Situation neutral einzuordnen.

Pia Witthöft

Leiterin Mutstelle, Lebenshilfe Berlin

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