Porträtfoto Jasmin Scholl

Jasmin Scholl
Betroffene

Ich möchte Betroffenen zeigen, dass sie nicht klein sind

Sexuelle Gewalt findet zunehmend auch online statt. Beim Cybergrooming werden gezielt Minderjährige mit sexuellen Absichten kontaktiert. Hier erzählt Jasmin Scholl, wie sie den Ausstieg fand, und was sie anderen Betroffen mitgeben möchte.

Über Jasmin Scholl
Jasmin Scholl ist 25 Jahre alt und hat ein Buch über ihre Erfahrung geschrieben. Sie engagiert sich viel für das Thema, gibt Vorträge und macht sich unter anderem in den sozialen Medien für Betroffene stark.

Jasmin, du hast als Kind sexualisierte Gewalt erlebt und bezeichnest dich selbst als Überlebende. Wie bist du aufgewachsen?

Mit elf Jahren wurde ich in die Kinderprostitution geschoben und fand erst Anfang 20 den Ausstieg. Wenn ich versucht habe, mir Hilfe zu holen, haben die Täter es jedes Mal verhindert. Mein Verhältnis zu meiner Mutter war sehr schwierig. Wenn ich zum Beispiel fünf Minuten von der Schule zu spät kam, hat sie die Küchentür abgeschlossen und mir das Essen verweigert. Sie hat immer zu mir gesagt, dass ich wertlos bin. Mit der Zeit habe ich dieses Gefühl angenommen und bin damit durchs Leben gelaufen. Rückblickend würde ich sagen, dass meine Mutter ihre eigene Geschichte auf mich übertragen hat. Sie war sehr überfordert mit ihrem Leben. Und sie wollte verhindern, dass etwas aus unserer Familie nach außen dringt. Deswegen musste ich immer in meinem Zimmer bleiben.

Als Jugendliche meldest du dich bei mehreren Plattformen und wirst von älteren Männern angesprochen, die sich auch mit dir treffen. Wie kam es dazu?

In der Schule hatte ich eine Freundin, die immer die neusten Kleider trug. Ich hingegen besaß nie eine richtige Winterjacke. Ich habe gefroren ohne Ende und hatte auch oft Hunger und Durst. Also habe ich meine Freundin gefragt, wie sie an ihre Sachen kommt. Sie erzählte, dass sie sich mit Männern trifft und dafür Geld bekommt. Das hat mich neugierig gemacht. Ich dachte, dass ich mir so auch etwas zum Essen oder zum Anziehen kaufen könnte. Ich fing ich an, mich ebenfalls mit Männern zu verabreden. Dass sie etwas Verbotenes tun, war mir gar nicht bewusst. Für mich war es einfach normal. Meine Freundin machte es, ich machte es.

Du sprichst von Cybergrooming. Dabei werden im Internet gezielt Minderjährige für sexuelle Handlungen angesprochen. Wie hast du den Ausstieg geschafft?

Mit 15 Jahren kam ich in ein Kinderheim. Dort war ich die älteste und habe gelernt, was es heißt, ein Stück weit frei zu sein. Am Anfang wusste ich mit dieser Freiheit gar nichts anzufangen. Es war eine prägende Zeit: Was sind Regeln? Was ist Freiheit? Ich habe gelernt, dass ich nicht nur geben muss, sondern auch etwas bekommen kann. Diese Zeit hat mir geholfen, in meiner Entwicklung weiterzugehen und nicht stehen zu bleiben. Danach zog ich in meine erste eigene Wohnung. Allerdings musste ich bald umziehen, weil es einen Übergriff gab. So ging es dann noch einige Zeit weiter.

Wer oder was hat dir geholfen?

In einer Facebook-Gruppe habe ich eine Mitarbeiterin des Opferschutzes kennengelernt. Sie war Heilpraktikerin und verstand mich. Erst durch sie wurde mir bewusst, dass ich in Gefahr war. Denn die Männer verfolgten mich. Eine Situation war tatsächlich lebensbedrohlich. Also musste ich den Ort, an dem ich zu der Zeit lebte, verlassen und fuhr nach Berlin. Über zwei oder drei Jahre hatte ich mit dieser Frau Kontakt. Durch sie habe ich gemerkt, wie viel Macht die Täter über mich hatten. Irgendwann habe ich den Entschluss gefasst, mir meine Lebensfreude wieder zurückzuholen.

Du machst deine Geschichte auch in den sozialen Medien öffentlich. Was möchtest du damit erreichen?

Ich spreche über sexualisierte Gewalt und Cybergrooming, weil ich das Thema sichtbarer machen möchte. Ich möchte zeigen, was passieren kann und wie schnell. Ich mache das vor allem für diejenigen, die den Ausstieg nicht geschafft haben und deren Seele zerbrochen ist. Ich mache es, um Betroffenen zu zeigen, wie wichtig es ist, an sich zu glauben. Auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt, kann ich aus eigener Erfahrung sagen: Das eigene Ziel ist oft gar nicht so weit weg. Ich stehe in der Mitte des Wegs der Aufarbeitung. Ich bin noch nicht fertig, aber ich bin im Prozess. Mein Wunsch ist, dass andere Betroffene sehen, wie ich meinen Weg gehe und dass sie dadurch ihren eigenen Weg finden. Ich möchte ihnen zeigen, dass sie nicht klein sind. Dass sie sich den Raum nehmen und sich zeigen dürfen. Dass die Täter keine Macht über sie haben. Mit mir als Vorbild fällt der Weg vielleicht leichter.

Ich möchte sexualisierte Gewalt und Cybergrooming sichtbarer machen. Ich will zeigen, was passieren kann und wie schnell. Ich mache das vor allem für diejenigen, die den Ausstieg nicht geschafft haben und deren Seele zerbrochen ist.

Wodurch gewinnst du die Kraft, diesen Weg zu gehen?

Die Betroffenen geben mir Kraft. Wie viele Menschen ich schon erreichen konnte! Nach einer Reportage hatte ich innerhalb einer Woche über 1.000 neue Follower. Viele bewundern mich und haben Respekt davor, dass ich darüber rede. Sie vertrauen sich mir an und erzählen mir ihre eigenen Geschichten. Ich gebe mir aber auch selbst Kraft. Wenn ich mal nicht so gut drauf bin, frage ich mich: Bleibe ich im Bett liegen oder kämpfe ich mich wieder in den Tag rein? Dabei hilft mir auch mein Hund Melly, für den ich jeden Tag da sein muss. Aber auch mein Helfer-System gibt mir Kraft. Ich habe so viele Menschen, die mir helfen und die mich beraten.

Was macht dir Mut?

Ich finde es wichtig, dass man regelmäßig einen „Mutanfall“ hat (lacht). Man muss verrückte und mutige Momente haben. Aus tiefster Seele zu lachen, zu leben und achtsam zu sein, das finde ich wichtig. Ich bin da und ich lebe im Hier und Jetzt. Wir müssen auf uns aufpassen, denn wir sind nur einmal da. Ich glaube nicht an Gott, aber ich glaube an das Leben. Das rate ich auch anderen Betroffenen: Dass sie nie aufhören dürfen, an sich selbst und an das Leben zu glauben.

Mut zum Hören

Hier erzählt Jasmin Scholl, warum es ihr wichtig ist, über Cybergrooming aufzuklären, welche Reaktionen sie erhält und wie sie ihren eigenen Weg aus der sexualisierten Gewalt gefunden hat.

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